Obere Adria bei Tirolern im Trend: Ein Urlaub wie damals

Die Tiroler haben die Obere Adria wiederentdeckt. Die Mundart-Rapper „Von Seiten der Gemeinde“ setzten den Touristen mit dem Hit „Lignano“ ein kritisches Zeichen.

Innsbruck – „Lignano“ heißt der Sommerhit der Tiroler Rapper Von Seiten der Gemeinde. Aber wer den friaulischen Ortsnamen gerade in der adäquaten italienischen Aussprache still formuliert hat, ist auf dem Holzweg.

Das Lied heißt lautgetreu auf Deutsch „Lignano“, Buchstabe für Buchstabe, schön hart tirolerisch eingefärbt. So schallt es derzeit regelmäßig aus dem Radiokanal FM4. Das Lied ist ein geglückter Mix aus harten Hip-Hop-Beats und Oberländer Dialekt, um genau zu sein Landeckerisch.

„Wir wollen keinen bekehren, aber es ist für mich ein Lied über ignorante Urlauber, die wegfahren, um doch nur das Gleiche zu essen“, meint David Spiss, der unter dem Künstlernamen „Yo!Zepp“ den Song rappt. Der Text skizziert die weniger erfreulichen Seiten des Massentourismus. „Im Summa flaggt ganz Tirol unten an der Adria“, heißt es da, um dann gleich weiterzutexten mit: „Die Kinder schreien, die Sonne brennt. Überall Sonnenbrand außer unterm Unterhemd.“

Lignano, Caorle, Grado oder Jesolo sind für David Spiss also eindeutig keine Optionen für diesen Sommer. Er weiß aber von vielen, die es auch in diesem Sommer Richtung Venedig und Umgebung zieht: „Ich glaub’, ganz Landeck ist gerade da unten.“ Und nicht nur die. Beim Reiseveranstalter Eurotours hat sich die Buchungslage heuer im Vergleich zu 2016 um zehn Prozent gesteigert. Lignano ist sogar der Zuwachs-Sieger, mit einem Anstieg von 54,4 Prozent im Vergleich zu 2016.

Die Adria war eigentlich aus der Mode gekommen. Hoteliers und Gastronomen standen vor leeren Betten und Tischen. Zu wenig exotisch und exklusiv war das Argument. Und auch zu nah. Genau das verkehrt sich jetzt ins positive Gegenteil. „Die Obere Adria ist wegen ihrer raschen Erreichbarkeit mit dem Auto besonders beliebt und auch der Sicherheitsgedanke spielt eine immer stärkere Rolle“, meint Eurotours-Geschäftsführerin Helga Freund. Die Türkei falle heuer aus politischen Gründen nämlich weg.

Für Familien gibt es noch ganz nostalgische Gründe. Jene jungen Eltern, die mit ihrem Nachwuchs in Grado oder Caorle die Füße in den Strand stecken, erinnern sich damit an die eigene Kindheit – Pinienduft und „Coco-Belloooo“-Rufe inklusive. Die Sehnsucht, den Sprösslingen die eigenen Kindheitserlebnisse zu vermitteln, lässt über Bausünden und Massentourismus hinwegsehen.

Ein weniger rühmliches Kapitel, das Lignano mit den österreichischen Touristen verbindet, ist der Party-Tourismus, der sich zu Pfingsten in dem Badeort breitmacht.

Nachdem Zustände à la Mallorca – von Kübel- bis Koma-Saufen – den Ort prägten, musste die friaulische Gemeinde diesen Frühling zu drastischen Mitteln greifen.

Insgesamt 17 junge Österreicher wurden ausgewiesen, weil sie betrunken randaliert hatten. Urinieren auf der Straße, eine Messerstecherei und Besitz von Cannabis waren die Hauptgründe. Die Ausgewiesenen dürfen nun zwei Jahre lang nicht mehr in die Ortschaft zurückkehren, ansonsten drohen ihnen drei Monate Arrest. Ohne all das zu ahnen, ist ein paar Wochen vor den Pfingstferien die Nummer „Lignano“ entstanden. Und der Text trifft mit seiner Häme ziemlich genau diese Szene, wenn es heißt „A Räuschle keht, um dreie ins Bett, bin der letzte beim Frühstück g’wesen, alle Semmeln war’n leider weg.“

Jetzt im Hochsommer geht es an der Oberen Adria mehr ums Eisessen als ums Trinken. Dass die Touristen wiederkommen, liegt auch an den Investitionen. Es wurde viel Geld in die Revitalisierung der Orte gesteckt. Promenaden wurden saniert und so manche Imbissbude wich modernen Gastro-Konzepten. In Jesolo gibt es seit heuer die ersten selbstöffnenden, solarbetriebenen Sonnenschirme und seit zwei Jahren zwei neue Fünf-Sterne-Hotels.

Für Musiker David Spiss und seine Bandkollegen Christian Fleischmann und Lukas Ljubanovic wird die Obere Adria wohl trotzdem keine Option sein. Das ist nicht das, was sie suchen. Obwohl sie ihre Nummer mit den Worten abschließen: „Lignano du hasch mi g’sehen, ab nächstem Jahr fahr i Jesolo.“